• „Gruppe von Menschen in zwei kontrastierenden Welten: links
Gruppe von Menschen in zwei kontrastierenden Welten: links moderne Stadtmenschen, die abgelenkt wirken, rechts ruhige spirituelle Menschen in einer friedlichen Naturlandschaft; symbolischer Übergang vom hektischen Alltag zu innerer Ruhe.“

Yoga und Gesellschaft

WENDEZEIT – vom Abenteuer des Bewusstseins Teil 2

Sri Aurobindo zur gegenwärtigen Krise der Menschheit

Die evolutionäre Krise als Wahl des menschlichen Schicksals

Gegenwärtig durchlebt die Menschheit eine evolutionäre Krise, in der sich eine Wahl ihres Schicksals verbirgt; denn ein Stadium ist erreicht, in dem der menschliche Geist sich in bestimmten Richtungen eine enorme Entwicklung vollzogen hat, während er in anderen wie gelähmt und verwirrt stehen bleibt und seinen Weg nicht mehr finden kann.

Die Errichtung einer übermächtigen äußeren Lebensordnung

Eine Struktur des äußeren Lebens wurde durch den stets aktiven Geist und Lebenswillen des Menschen errichtet, eine Struktur von unüberschaubarer Größe und Komplexität, für den Dienst an seinen mentalen, vitalen und physischen Ansprüchen und Drängen, eine komplexe politische, soziale, administrative, wirtschaftliche, kulturelle Maschinerie, ein organisiertes kollektives Mittel für seine intellektuelle, sensorische, ästhetische und materielle Befriedigung.

Eine Zivilisation, die an die Grenzen ihres Bewusstseins gekommen ist

Der Mensch hat ein System der Zivilisation geschaffen, das zu groß geworden ist für seine begrenzte für seine begrenzte mentale Fähigkeit des Verstehens und seine noch begrenztere spirituelle und moralische Kapazität, es zu nutzen und zu handhaben; ein zu gefährlicher Diener seines irrenden Egos und dessen Begierden. Denn noch ist kein weiter sehender Geist, keine seelische Intuition an die Oberflächen seines Bewusstseins getreten, die diese grundlegende Fülle des Lebens zu einer Bedingung für das freie Wachstum von etwas machen könnte, das über sie hinausgeht.

Die ungenutzte Chance einer höheren Lebensbestimmung

Diese neue Fülle der Mittel des Lebens könnte, – durch ihre Kraft, den unablässigen, unbefriedigten Druck wirtschaftlicher und physischer Not zu lösen – eine Gelegenheit sein zur vollen Verfolgung anderer und höherer Ziele, die über das materielle Dasein hinausreichen: zur Entdeckung einer höheren Wahrheit, eines höheren Guten und einer höheren Schönheit, zur Offenbarung eines größeren und göttlicheren Geistes, der in das Leben eingreifen und es zu einer höheren Vollkommenheit des Seins nutzen würde. Stattdessen aber wird sie verwendet zur Vermehrung neuer Bedürfnisse und zur aggressiven Ausdehnung des kollektiven Ego.

Wissenschaft, Macht und die Herrschaft der Egonatur

Gleichzeitig hat die Wissenschaft dem Menschen viele universelle Kräfte der Natur verfügbar gemacht und das Leben der Menschheit materiell geeint; doch ist es ein kleines menschliches individuelles oder gemeinschaftliches Ego, das von diesen universellen Kräften Gebrauch macht – ohne selbst etwas Universelles in seinem Wissen oder in seinen Motivationen zu tragen – ohne inneren Sinn oder innere Kraft, die in dieser physischen Zusammenführung der menschlichen Welt eine wahre Lebenseinheit, eine geistige Einheit oder ein spirituelles Einssein erschaffen könnte.

Die Welt als Chaos widerstreitender Begierden, Kräfte und Ideen

Was stattdessen vorhanden ist, ist ein Chaos aufeinanderprallender mentaler Ideen, von Trieben individueller und kollektiver physischer Bedürfnisse und Nöte, von vitalen Ansprüchen und Begierden, von Impulsen eines unwissenden Lebensdrangs, von Hungern und Rufen nach Lebensbefriedigung von Individuen, Klassen und Nationen; ein wuchernder Pilz politischer, sozialer und wirtschaftlicher Rezepte und Vorstellungen, ein drängendes Gewirr von Schlagwörtern und Allheilmitteln, für die Menschen bereit sind zu unterdrücken und unterdrückt zu werden, zu töten und getötet zu werden, um sie – wie auch immer – mit den gewaltigen und allzu furchtbaren Mitteln durchzusetzen, die ihnen zur Verfügung stehen, im Glauben, dies sei ihr Weg zu etwas Idealem.

Die Evolution des Bewusstseins und der Weg zur universellen Harmonie

Die Evolution des menschlichen Geistes und Lebens muss notwendig zu einer wachsenden Universalität führen; doch auf der Grundlage eines egohaften, zergliedernden und trennenden Denkens kann diese Öffnung zum Universellen nur eine ungeheure Vermehrung ungeordneter Ideen und Impulse hervorbringen – ein Aufwallen enormer Kräfte und Begierden, eine chaotische Masse unassimilierter, ineinander vermischter mentaler, vitaler und physischer Substanz eines größeren Daseins, die, weil sie nicht von einem schöpferischen, harmonisierenden Licht des Geistes aufgenommen wird, in einer universalisierten Verwirrung und Disharmonie verharren muss, aus der heraus es unmöglich ist, ein größeres harmonisches Leben zu errichten.

Die Grenzen organisierter Vernunft und vergangener Ordnungssysteme

In der Vergangenheit hat der Mensch das Leben durch organisierte Ideenbildung und Begrenzung harmonisiert; er hat Gesellschaften erschaffen, die auf festen Ideen oder festen Bräuchen basierten, auf einem fixierten kulturellen System oder einem organischen Lebenssystem, jedes mit seiner eigenen Ordnung; das Werfen all dieser in den Schmelztiegel eines mehr und mehr sich vermischenden Lebens und ein Einströmen ewig neuer Ideen und Motive und Fakten und Möglichkeiten verlangen nach einem neuen, einem größeren Bewusstsein, das die wachsenden Potenziale des Daseins aufnehmen, meistern und harmonisieren kann.

Die Notwendigkeit eines ganzheitlichen und universellen Bewusstseins

Vernunft und Wissenschaft können nur helfen, indem sie standardisieren, indem sie alles in eine künstlich arrangierte und mechanisierte Einheit des materiellen Lebens fixieren. Es bedarf eines All-Seins, eines All-Wissens und einer All-Macht, um alles in die höhere Einheit eines All-Lebens zu schmieden.

Quelle: Sri Aurobindo, „Das Göttliche Leben“, Kapitel 28

(Anmerkung: Die Zwischenüberschriften wurden diesem Text zur besseren Verständlichkeit hinzugefügt)