• „Gruppe von Menschen in zwei kontrastierenden Welten: links
Gruppe von Menschen in zwei kontrastierenden Welten: links moderne Stadtmenschen, die abgelenkt wirken, rechts ruhige spirituelle Menschen in einer friedlichen Naturlandschaft; symbolischer Übergang vom hektischen Alltag zu innerer Ruhe.“

Yoga und Gesellschaft

WENDEZEIT – vom Abenteuer des Bewusstseins

Sri Aurobindo beschreibt unsere Gegenwart als eine evolutionäre Krise, in der mehr auf dem Spiel steht als technologischer Fortschritt oder bloßer gesellschaftlicher Wandel. Es ist, so schreibt er, ein Moment, „in dem sich eine Wahl über das Schicksal der Menschheit verbirgt“. Der menschliche Geist hat in mancher Hinsicht Außerordentliches hervorgebracht, steht jedoch zugleich an einem Punkt der Ratlosigkeit, an dem er seinen weiteren Weg nicht mehr findet.

Mit der rastlosen Kraft seines Denkens und Wollens hat der Mensch eine hochkomplexe äußere Ordnung geschaffen – politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Systeme von großer Macht. Doch diese Zivilisation ist, wie Sri Aurobindo feststellt, in ihren äußerlichen Errungenschaften größer geworden, als in ihrem Bewusstsein. Die Mittel des Lebens sind gewaltig, aber es fehlt ein höher sehender Geist, eine fühlende Weisheit, die diese Fülle zu tragen und sinnvoll zu ordnen vermag.

So wächst die Menschheit äußerlich zusammen, ohne innerlich geeint zu sein. Die freigesetzten Kräfte der Welt werden von einem individuellen oder kollektiven Ego genutzt, dem eine höhere und verbindende Perspektive im Denken, Fühlen und Handeln fehlt. Was daraus entsteht, ist eine weltweite Verflechtung ohne innere Harmonie: ein Nebeneinander – und Gegeneinander – widerstreitender Ideen, Wünsche und Ansprüche. Die Erde als Schauplatz einer Menschheit, die noch von den frühen Regungen ihrer Egonatur beherrscht wird.

Und doch drängt die Evolution des menschlichen Lebens unausweichlich über diesen Zustand hinaus: sie führt den Menschen durch wachsende Öffnung – oder durch wachsenden Leidensdruck – zu einem Bewusstseins, das die Einheit und Verbundenheit in allem erkennt. Solange sich unser Denken, Wollen und Handeln auf die geistigen Konstruktionen dieser Egonatur stützt, auf unsere persönlichen moralischen oder ideologischen Vorstellungen, kann keine wahre Harmonie unter Menschen entstehen. Nur ein höheres Bewusstsein kann die wachsenden Möglichkeiten des Lebens aufnehmen und zu einer fortschreitenden Harmonie in der Vielfalt menschlicher Lebensformen führen.

Die eigentliche Wende unserer Zeit liegt daher nicht im äußerlichen Umbau der Welt, sondern in der Umwandlung unseres Bewusstseins: in unserem Mut, gesellschaftliche Ideologien, Meinungen und Weltanschauungen hinter uns zu lassen und uns einer tieferen Erfahrung des Lebens zu öffnen.

So wird die Krise unseres Menschseins zu einer einzigartigen Möglichkeit für uns alle: dem stillen Ruf der Seele zum Abenteuer unseres Bewusstseins zu folgen – in uns selbst am nächsten Schritt unserer Evolution mitzuwirken …komme, was wolle…

Ein entscheidender Wendepunkt

aus „Der sonnenhelle Pfad“ / Gespräche mit der Mutter ( MIra Alfassa)

„Im Augenblick sind wir an einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Erde, wieder einmal. Von jeder Seite werde ich gefragt: „Was wird geschehen?“ Überall ist Qual, Erwartung, Angst. „Was wird geschehen?…“ Es gibt nur eine Antwort: „Wenn der Mensch nur einwilligen könnte, spiritualisiert zu werden!“ Und vielleicht reichte es, wenn einige einzelne zu reinem Gold würden, denn das wäre genug, den Lauf der Dinge zu ändern…. Wir sind mit dieser Notwendigkeit in sehr dringender Weise konfrontiert. Dieser Mut, dieser Heroismus, den das Göttliche von uns verlangt, warum sollten wir ihn uns nicht nutzbar machen, um die eigenen Schwierigkeiten zu bekämpfen, die eigenen Unvollkommenheiten, die eigenen Unklarheiten? Warum nicht heldenhaft das Feuer innerer Läuterung auf sich nehmen, so daß es nicht notwendig wird, noch einmal durch eine dieser furchtbaren, gigantischen Zerstörungen hindurchzugehen, die eine gesamte Zivilisation in die Finsternis stürzt? Das ist das Problem, das sich uns stellt. Jeder muß es auf seine eigene Weise lösen.“

Das große Abenteuer

„Wir sind in einer ganz besonderen Situation, einer höchst besonderen, einer bisher noch nie dagewesenen. Wir werden jetzt zu Zeugen der Geburt einer neuen Welt. Sie ist sehr jung, sehr schwach — nicht in ihrem Wesenskern, sondern in ihrer äußerlichen Manifestation — noch nicht erkannt, nicht einmal gefühlt, ja sogar von der Mehrheit verleugnet. Aber sie existiert. Sie ist hier und bemüht sich zu wachsen. Dabei ist sie sich ihres Erfolges vollkommen sicher. Aber der Weg dorthin ist ein vollständig neuer, einer, der niemals vorher beschritten wurde  -dort ist noch niemand gegangen, niemand hat das getan! Es ist ein Anfang, ein universaler Anfang. Deshalb ist es ein völlig unerwartetes und unbestimmbares Abenteuer. Es gibt Menschen, die das Abenteuer lieben. Diese sind es, die ich rufe, und ich sage ihnen dies: „Ich lade euch ein zu einem großen Abenteuer.“

Es geht nicht darum, spirituell zu wiederholen, was andere vor uns getan haben, denn unser Abenteuer beginnt jenseits davon. Es geht um eine neue Schöpfung, eine ganz und gar neue, mit all den unvorhersehbaren Geschehnissen, den Risiken und Wagnissen, die sie mit sich bringt — ein wirkliches Abenteuer, dessen Ziel der sichere Sieg ist, zu dem wir den Weg jedoch nicht kennen und der im Unerforschten Schritt für Schritt ausfindig gemacht werden muß. Etwas, das es im gegenwärtigen Universum noch niemals gegeben hat und das es niemals auf dieselbe Weise geben wird. Wenn dich das interessiert… nun, laß uns die Reise antreten. Was dir morgen widerfährt — ich weiß es nicht. Wir müssen alles Vorherberechnete, alles Ersonnene, alles Konstruierte ablegen und dann… aufbrechen in das Unbekannte. Und — komme, was wolle! So steht es.“

Der Pfad ins Unbekannte

„Es gibt einen Zeitpunkt, in dem das Leben , so wie es ist, das menschliche Bewußtsein, so wie es ist, als etwas erscheinen, das zu ertragen absolut unmöglich ist. Es verursacht eine Art Abscheu und Widerwillen. Man sagt: „Nein, das ist es nicht, das ist es nicht. Das kann es nicht sein, das kann nicht so weitergehen.“ Nun, wenn man dahingekommen ist, dann bleibt nur eins, alles von sich hineinzuwerfen — seine ganze Bemühung, seine ganze Kraft, sein ganzes Leben, sein ganzes Sein, in diese Chance, in diese, wenn du so willst, außergewöhnliche Gelegenheit, die sich darbietet, um auf die andere Seite überzuwechseln.

Welch‘ eine Erleichterung, seinen Fuß auf einen neuen Pfad zu setzen, auf den, der dich ganz woanders hinführt! Das ist die Mühe wert, sich von viel Gepäck zu befreien und viele Dinge loszuwerden, um zu diesem Sprung fähig zu sein. So sehe ich das Problem. Tatsächlich ist es das erhabenste aller Abenteuer, und trägt man die leiseste Spur eines wahren Abenteuergeistes in sich, dann lohnt es sich, alles für alles zu wagen.“