Angst und Mut am spirituellen Weg des Yoga
Auszüge aus Gesprächen mit der „Mutter“ (Mira Alfassa) und Sri Aurobindo:
Zur Einführung: Angst als zentrales Hindernis am Weg des Yoga
Mut und Angst entscheiden auf dem spirituellen Weg des Yoga über Fortschritt oder Stagnation. In der Yoga-Psychologie wird Angst nicht als gewöhnliche oder sogar notwendige Emotion des Menschen verstanden, sondern als eine Regung der Unwissenheit, die die Öffnung des Bewusstseins – und damit verbunden – die spirituelle Erfahrung blockiert. Die folgenden Texte sind Auszüge aus Gesprächen mit der „Mutter“ (Mira Alfassa)…
Mut als Grundvoraussetzung auf dem Yogaweg
„Um den Weg (des Yoga) zu beschreiten, musst du eine unerschrockene Furchtlosigkeit haben, du darfst dich nie mit dieser gemeinen, kleinlichen, schwachen, hässlichen Bewegung, die Angst ist, zurückziehen.“
„Ein unbezwingbarer Mut, eine vollkommene Aufrichtigkeit, ein völliges Selbsthingeben bis zu dem Punkt, dass du nicht kalkulierst oder feilschst, du gibst nicht mit der Absicht, zu empfangen, du bietest dich nicht mit der Absicht an, geschützt zu werden, du hast keinen Glauben, der Beweise benötigt,—das ist unerlässlich, um auf dem Weg voranzukommen,—das allein kann dich vor allen Gefahren schützen. Und ich würde hinzufügen: Angst ist eine Unreinheit, eine der größten Unreinheiten, eine derjenigen, die am direktesten von den anti-göttlichen Kräften kommen, die die göttliche Aktion auf Erden zerstören wollen; und die erste Pflicht derjenigen, die wirklich Yoga praktizieren wollen, ist es, mit aller Macht, aller Aufrichtigkeit, aller Ausdauer, zu der sie fähig sind, selbst den Schatten einer Angst aus ihrem Bewusstsein zu eliminieren. Um den Weg zu beschreiten, muss man unerschrocken sein und sich nie in dieser kleinlichen, schwachen, widerlichen Rückzugsbewegung, die Angst ist, ergeben.“
Angst und Zweifel bei inneren Erfahrungen
„Es ist, indem sie Angst durch schreckliche Formen und Bedrohungen erzeugen, dass die feindlichen Wesen den Sadhaka (Yoga Aspiranten) daran hindern, die Schwelle zwischen der physischen und der vitalen Welt zu überschreiten, und es ist auch, indem sie Angst und Alarm erzeugen, dass sie in das vitale Wesen des Körpers eindringen können. Mut und unerschütterliches Vertrauen sind die erste Notwendigkeit für den Sadhaka.“
Erläuterung: Die vitale Welt
Die ersten Bereiche innerer Erfahrung im Yoga sind normalerweise die vitalen Welten: das sind die Ebenen der Lebensenergien, die wir äußerlich als Antriebe und Emotionen wahrnehmen. Die Mächte und EInflüsse dieser Welten wirken in jedem Moment durch uns, auch wenn wir uns ihrer Gegenwart und ihrer Wirkungen nicht bewusst sind. Durch die spirituelle Praxis des Yoga werden die Schleier der menschlichen Wahrnehmung gelüftet und die Praktizierenden beginnen mit den Mächten uns Einflüssen einer subtilen Welt der Kräfte und Mächte in Beziehung zu treten.
Angst als allgegenwärtige Konditionierung
„Um die Wahrheit zu sagen, es kommt sehr selten vor, dass diejenigen, die bereit sind und zweifellos für die Verwirklichung bestimmt sind, nicht irgendwann in ihrem Leben, wenn auch nur für ein paar Sekunden, die Erfahrung dessen machen, was diese Verwirklichung ist. Aber selbst diejenigen, deren Schicksal gewiss ist, müssen hart und entschlossen gegen dieses ‚Etwas‘ ankämpfen, das man anscheinend mit der Luft einatmet: diese Angst, dieses Entsetzen vor dem, was passieren könnte.
Und das ist so unsinnig, denn im Endeffekt ist das Schicksal jedes Einzelnen dasselbe: Man wird geboren, man lebt – mehr oder weniger zufriedenstellend – und man stirbt; dann wartet man eine gewisse Zeit, und wieder wird man geboren, lebt – mehr oder weniger zufriedenstellend – und stirbt erneut, und so geht es endlos weiter, bis man das Gefühl hat, es reicht.
Wovor fürchtet man sich? Vor dem Ausbrechen aus der Routine? Vor der Freiheit? Vor dem Ende der Gefangenschaft? Und dann, wenn du genug Mut hast, das zu überwinden, wenn du sagst: ‚Komme, was da wolle! Schließlich gibt es nicht viel zu verlieren‘, dann wirst du misstrauisch, du fragst dich, ob es vernünftig ist, ob die Erfahrung wahr ist, ob das alles nicht eine Illusion ist, ob du dir das nicht nur einbildest, ob es wirklich irgendeine Substanz hat….
…und gebt acht – dieses Misstrauen mag dumm erscheinen, aber du begegnest ihm selbst bei den Intelligentesten, selbst bei denen, die wiederholt schlüssige Erfahrungen gemacht haben— diese Angst und dieser Zweifel sind Dinge, die du mit dem Essen, das du isst, mit der Luft, die du atmest, mit deinen Kontakten mit anderen aufnimmst; und deshalb kannst du von den ‚Tentakeln der Natur‘ sprechen, überall, in allen Dingen, wie ein Oktopus, der sich heranschleicht, dich einfängt und an sich bindet.“
Wie kann Angst überwunden und Mut entwickelt werden?
„Angst ist verstecktes Einverständnis. Wenn du vor etwas Angst hast, bedeutet das, dass du seine Möglichkeit zugibst und ihm dadurch den Rücken stärkst. Es kann gesagt werden, dass es sich um ein unterbewusstes Einverständnis handelt. Angst kann auf viele Arten überwunden werden. Die Wege des Mutes, des Glaubens, des Wissens sind einige davon.“
„Indem man sich auf eine Idee konzentriert, indem man Tapas (Willenskraft und Konzentration) darauf ausübt, können wir nicht nur das Bild dieser Idee in unseren Köpfen erschaffen, sondern auch ihre Form in der Emotion, ihre Wahrheit in der Qualität des Charakters, ihre Erfahrung in Bezug auf das innere Wesen. Indem man sich mit dem Willen auf die Idee von Mut oder Tugend konzentriert, hat man herausgefunden, dass man Mut oder Tugend in sich erschaffen kann, wo sie zuvor fehlten….“

