Yoga Psychologie
Überantwortung, Selbsthingabe und Weihung
Aus„Lehrgespräche und Worte der Liebe 1929-38“/ Gespräche mit der„Mutter“(Mira Alfassa)
Der innere Entschluss
Überantwortung ist der Entschluss, dem Göttlichen die Verantwortung für euer Leben anzuvertrauen. Ohne diesen Entschluss ist nichts möglich; wenn ihr euch nicht überantwortet, kommt der Joga überhaupt nicht infrage. Das Übrige ergibt sich dann ganz natürlich, denn der gesamte Vorgang des Joga beginnt mit der Überantwortung.
Wege der Hingabe
Ihr könnt diese mit Hilfe des Wissens oder der Liebe leisten. Ihr mögt die starke Intuition haben, dass einzig das Göttliche die Wahrheit ist, und die klare Überzeugung, dass ihr ohne das Göttliche nichts vermögt. Oder ihr mögt das spontane Gefühl haben, dass dieser Weg der einzige ist, der zum Glück führt, einen starken seelischen Drang, ausschließlich dem Göttlichen
anzugehören: „Ich gehöre nicht mir selbst“, sagt ihr und übergebt die Verantwortung eures Wesens der Wahrheit. Sodann kommt die Selbsthingabe: „Hier bin ich, ein Geschöpf mit verschiedene Eigenschaften, guten und schlechten, dunklen und hellen. Ich bringe mich Dir dar, so wie ich bin; nimm mich an mit all meinen Höhen und Tiefen, meinen widerstrebenden Trieben und Neigungen; mach aus mir, was Du willst.“
Das Zentrum der Hingabe
Im Verlauf der Hingebung eurer selbst beginnt ihr euer Wesen um das herum zu einen, was den ersten Entschluss gefasst hat: den zentralen seelischen Willen.Ihr könnt euch dem Göttlichen in einer spontanen Regungdarbringen; aber es ist nicht möglich, euch ohne diese Einswerdung wirklich hinzugeben. Je mehr ihr geeint seid, desto mehr werdet ihr fähig, diese Selbsthingabe zu verwirklichen. Und wenn diese vollständig ist, folgt die Weihung; sie ist die Krönung des ganzen Vorgangs der Verwirklichung, die letzte Stufe des Anstiegs, nach der es keine Schwierigkeiten mehr gibt.
Umwandlung und Integration
Aber ihr dürft nicht vergessen, dass ihr nicht auf einmal ganzheitlich geweiht sein könnt. Denn oft verfallt ihr solch einer Täuschung. Ein oder zwei Tage lang fühlt ihr in euch eine große Inbrunst euch zu weihen, und das lässt euch hoffen, euer gesamtes Wesen werde automatisch nachfolgen. Wenn ihr aber auch nur im geringsten selbstzufrieden seid, haltet ihr euren Fortschritt auf. Denn euer Wesen ist voll von unzähligen widersprüchlichen Neigungen, sozusagen lauter verschiedenen Persönlichkeiten. Gibt sich eine von ihnen dem Göttlichen, so lehnen sich die anderen auf: „Wir haben uns nicht gegeben“, protestieren sie und fangen an zu schreien und ihre Unabhängigkeit und ihren eigenen Ausdruck zu verlangen. Dann heißt ihr sie ruhig sein und zeigt ihnen die Wahrheit. Geduldig müsst ihr im ganzen Wesen herumgehen, alle verborgenen Fehler und geheimen Winkel auskundschaften, all diesen anarchischen Elementen entgegentreten, die in euch den günstigen psychologischen Augenblick abwarten, um hochzukommen. Und wenn ihr die gesamte Runde durch eure geistige, lebentliche und physische Natur gemacht und das alles dazu gebracht habt, sich dem Göttlichen zu geben, wenn ihr so eine völlige, ganzheitliche Weihung erlangt habt, erst dann ist all euren Schwierigkeiten eine Ende gesetzt. Und dann wird euer Marsch auf die Umwandlung zu wirklich glorreich; denn ihr schreitet nicht mehr von der Dunkelheit zum Wissen, sondern von Wissen zu Wissen, von Licht zu Licht, von Glück zu Glück.
Menschlicher Wille und Göttliche Gnade
Die vollständige Weihung ist zweifellos keine leichte Sache, und sie könnte sehr wohl eine endlose Zeit beanspruchen, wenn ihr sie allein, aus eigenen Kräften, zu vollbringen hättet. Doch verhält es sich nicht ganz so, wenn die göttliche Gnade bei euch ist. Mit einer kleinen Hilfe dann und wann, einem kleinen Schubs in diese oder jene Richtung wird die Arbeit verhältnismäßig einfach. Natürlich hängt die Dauer von jedem Einzelnen ab, aber sie kann sich beträchtlich verkürzen, wenn euer Entschluss fest ist. Entschlossenheit ist das eine Erforderliche – sie ist der Schlüssel, der alle Türen öffnet.